Wie entsteht Stress und was macht er mit uns?

„Schlimmer als große Sorgen: die tausend kleinen Besorgungen, die uns hindern, zu uns selbst zu kommen.“ ¹

Paul Mommertz

Stress – Urmechanismus

Wie sich Stress anfühlt, kennt wohl jeder. Unter Stress reagiert unser menschlicher Organismus erst einmal mit einer erhöhten Leistungsfähigkeit und stellt vermehrt Energie zur Lösungsfindung bereit.

Kampf-Flucht-Verhalten

Das Herz beginnt schneller zu schlagen und wir werden wachsamer. Wir können feststellen, dass sich der Atem beschleunigt. Auch unsere Bronchien werden geweitet. Um unserem Körper ausreichend Sauerstoff zur Verfügung zu stellen. Vermehrtes Schwitzen und feuchte Hände können sich bemerkbar machen. Außerdem ein trockener Mund (Speichelfluss wird reduziert). Unsere Muskelspannung erhöht sich, verbesserte Reflexe zeigen sich. Die Verdauungstätigkeit wird gehemmt und vieles mehr. Was sich unter anderem als »Kampf-Flucht-Verhalten« zeigt.

Stress ist also per se, keineswegs nur negativ

Dies ist ein Urmechanismus, der uns erst einmal dazu verhelfen soll, auch mit unvorhersehbaren Situationen umzugehen – eine Strategie zu entwickeln. Vorhandene Ressourcen realistisch einzuschätzen und auch frei zu schalten. Stress ist also per se, keineswegs nur negativ.

Vermittlung von Körperzuständen über das Gehirn – Stressreaktion

1. Phase der Stressreaktion
Gehirn – Sympathikus

Vermittelt werden diese Körperzustände, zum einen über den Hypothalamus (wichtige Schaltzentrale im Gehirn) und das autonome (vegetative) Nervensystem – hier vor allem über den »Sympathikus«. Der Hypothalamus setzt den Botenstoff (Neurotransmitter) – das Noradrenalin frei. Dieses bewirkt in weiteren Hirnarealen, dass wir unter anderem wachsamer werden (zeigt auf, dass es ein Problem zu lösen gibt).

Körperperipherie und Botenstoffe

In die Körperperipherie wird die Botschaft dann, über Nervenfasern des Sympathikus, an das Nebennierenmark (NNM) – Anteil der Nebennieren (sitzen wie Kappen auf unseren Nieren) übermittelt.

Das NNM wiederum sorgt, für eine weitere Ausschüttung von Noradrenalin/Adrenalin. Unser Körper besitzt für diese Botenstoffe, an weiteren Organen/Organsystemen zahlreiche Rezeptoren, welche die chemische Botschaft aufnehmen.

Das Ganze wird übersetzt und beispielsweise im Falle des Herzens in eine mechanische Reaktion umgewandelt: das Herz (Herzmuskulatur) wird angeregt, seine Schlagkraft (kräftiger zu schlagen) zu erhöhen, beziehungsweise auch seine Herzfrequenz (mehr Schläge/Minute). Was wir auch unmittelbar verspüren können, als »Herzklopfen, -rasen«.

Diese Art von Übermittlung bezeichnet man auch als »erste Phase« der Stressreaktion.

2 . Phase der Stressreaktion
Hypothalamus – Hypophyse (Hirnanhangsdrüse)

Des Weiteren wird die sogenannte »Kortisol-Achse« – also die zweite Phase, der Stressreaktion aktiviert. Diese erfolgt etwas zeitversetzt zur Ersten und wird ebenfalls über den Hypothalamus vermittelt.

Hier wird jedoch, als weitere Hirnregion die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) angesprochen. Die Hirnanhangsdrüse setzt den Botenstoff, beziehungsweise das Hormon »ACTH (Adrenocorticotropin)« frei und bewirkt in der Nebennierenrinde (NNR) – ebenfalls ein Anteil der Nebennieren – dass »Glucocorticoide«, wie das Kortisol (auch als Kortison bekannt) ausgeschüttet werden.

Kortisol

Kortisol hat mitunter die Wirkung in unserem Körper, dass der Zuckerspiegel (Glukose) ansteigt. Damit ausreichend Energie zur Stressbewältigung zur Verfügung steht. Wir uns, unserem Problem widmen können.

Was bemerken wir dabei? Problemfokus wird besser aufrechterhalten, das Denken wird schneller, unsere Gedanken wandern – um dadurch zur einer Lösungsfindung kommen zu können.

Diese »akute Stressreaktion« soll uns eher dazu dienen, wieder in eine kohärente (stimmige) Lage zu kommen. Gleichzeitig auch, unsere Handlungsfähigkeit zu bewahren, dass damit das Gefühl von Ruhe und Stabilität in uns zurückkehrt. Problem erkannt – Problem gebannt.

Dauerstress (chronischer Stress)

Finden wir jedoch zu keinerlei Lösung – haben also keine adäquate Bewältigungsstrategie zur Hand, die Belastung hält an, kann sich dies, in einen »Dauerstress« (chronischer Stress) umwandeln. Dadurch kann es leicht zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen/Schäden kommen. Unter anderem machen sich dann Anzeichen/Symptome bemerkbar, wie:

  • Erschöpfung / Müdigkeit
  • Einbruch der Leistungsfähigkeit
  • Schlafprobleme
  • Niedergeschlagenheit/Depression
  • Vermehrte Angstzustände
  • Konzentrationsstörungen
  • Erhöhte Reizbarkeit
  • Herz- und Kreislaufprobleme (z.B. erhöhter Blutdruck)
  • Verdauungsprobleme (Magenverstimmungen, Verstopfung/Durchfälle)
  • Verminderte Immunabwehr bzw. erhöhte Entzündungsneigung
  • Muskelverspannungen
  • Schmerztoleranz singt
  • Libidoprobleme etc.

Weitere körperliche, als auch psychische Gesundheitsproblemen können sich manifestieren. Welche uns dann, noch zusätzlich ausbremsen. Hiermit sinkt unser Belastbarkeitsgrenze und auch Leistungsfähigkeit weiter – eine Art Dauerschleife entsteht.

Stress als Folge

Es ist wichtig zu verstehen, dass Stress allein, nicht nur ursächlich, für all die genannte Symptomatik verantwortlich ist. Aus diesem Grund ist es ratsam, sich ärztliche- und therapeutische Hilfe einzuholen. Damit womöglich andere primäre Grunderkrankungen ausgeschlossen und behandelt werden können – Stress kann sich hier als Folge zeigen. Gerade ärztlichen Fachpersonen stehen umfangreiche, diagnostische Hilfsmöglichkeiten zur Verfügung.

Ereignisse positiv / negativ

Welche Ereignisse lassen uns Stress fühlen? Aussagen wie: „Ich fühle mich gestresst“ – „Ich war/bin gerade im Stress“ – „Das kommt wohl vom Stress“ sind nicht nur gängig, sondern werden häufig auch dazu verwendet, Alltagssituationen zu beschreiben.

Die Stressforschung unterscheidet dabei zwei Formen: Eustress – dieser ist eher positiver Natur und Disstress – eher negativ. Die Bewertung hängt jedoch stark von der jeweiligen Persönlichkeit, den gemachten Erfahrungen / Prägungen und unserem inneren Bewertungssystem ab.

Es gibt also durchaus positive Ereignisse, die uns dazu verhelfen widerstandsfähiger zu werden. Mögliche Erlebnisse sind denkbar: Hochzeit, Geburt eines Kindes, lang ersehnter Job-, Berufswechsel, eine Reise. Auch solche Situationen können im ersten Moment Stress verursachen. Unter anderem dienen uns diese dazu, Wachstum/Autonomie anzuregen – selbstwirksam zu sein. Es ist also die Möglichkeit zur Weiterentwicklung gegeben. Stress ist demnach nicht nur ein Übel, sondern auch lebensnotwendig.

Bestimmte Lebenssituationen bewerten wir vielfach als negativ:

  • Trennung / Scheidung vom Partner
  • Tod einer geliebten Person
  • Ehekrisen
  • Schwere Erkrankung
  • Verlust des Arbeitsplatzes

Aber auch Geschehnisse in uns selbst (Gedanken, Emotionen und Glaubenssätze) und in der Welt um uns herum, wie: Naturkatastrophen, Pandemien, Krieg können Stressoren sein. Es hängt nur stark davon ab, wie wir hiermit umzugehen wissen und welche Ressourcen uns zur Verfügung stehen.

Ich möchte es mit den Worten von Max Frisch ausdrücken: „Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ ²

Stressprävention – Stressanalyse

Was können wir tun, um mit Stress umzugehen? Es gibt viele Arten der Stressprävention (über die sich jeder selbst, im Einzelnen informieren kann) und sicherlich ist auch eine Stressanalyse hilfreich. Hierzu einige Fragen, welche man sich in diesem Zusammenhang stellen kann – eine ehrliche und aufrichtige Haltung zu sich selbst, ist dabei unerlässlich.

Sie sollen zum Nachdenken darüber anregen:

  • Was genau lässt mich Stress fühlen?
  • Was löst es aus?
  • Welche Symptome machen sich bemerkbar?
  • Welche Gedanken kreisen mir durch den Kopf?
  • Wie verhalte ich mich in Stresssituationen?
  • Welche Empfindungen / Gefühle kann ich zusätzlich wahrnehmen?

Des Weiteren ist es empfehlenswert, sich darüber hinaus, an geschulte Fachleute zu wenden (Arzt/Ärztin, Psycho-, Therapeut: in, coachende Personen etc.), die uns Hilfestellung zur Stressreduzierung anbieten können.

Was hilft?

Sinnvoll ist alles, was uns dazu verhilft in einen Zustand: der Ausgeglichenheit, Entspannung, Gelassenheit, innerer Ruhe und Stimmigkeit zu kommen. Außerdem Kräfte, wie »Mut« in uns zu mobilisieren, welche uns zur Lösungsfindung anregen. Um neue Strategien entwickeln zu können.

Viel Bewegung und sportliche Betätigung – ohne Leistungsdruck, an der frischen Luft sind durchaus förderlich und auch ein Stimulus für uns. Johann Wolfgang von Goethe schrieb dazu: „Sämtliche Glieder scheinen gelenker zu werden und jedes Verwenden der Kraft neue Kräfte zu erzeugen, so dass zuletzt eine selig bewegte Ruhe über uns kommt.“ ³

Außerdem das Betrachten von Schönem – wie beispielsweise die Natur, eröffnen in uns neue Räume, die uns behilflich sind, mit Stressoren umgehen zu lernen.

Besuchen wir uns also selbst und hoffen dabei, dass wir auch zuhause sind und Lauschen den Geschehnissen in uns und um uns herum!

Quellenhinweise:

¹ https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Mommertz

² und ³ Zitate aus: Der Weg zur Mitte – Mit Mental-Management entspannt und ausgeglichen / Autor: Dr. Detlev Geiger / Midena Verlag, Augsburg © 1998 Weltbild Verlag GmbH, Augsburg

Wissensvermittlung: Lernplattform Lecturio GmbH, Dr. Dr. Damir del Monte, Dr. med. Andreas Reinert, u.a. – Basiswissen Naturwissenschaft, Anatomie und Physiologie (Teil 1) & Basiswissen: Klinik mit Untersuchungs- und Injektionstechniken (UNI-MED-HP Teil 2)  – YouTube Kanal – ENCEPHALON medicine media production GmbH

Bildnachweis:

https://pixabay.com/de/illustrations

Menü